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Unterricht und Schule

DAK-Mediensucht-Studie 2024

Fast 5% der Jugendlichen sind abhängig

Das Smartphone ist allgegenwärtig und für das Gehirn damit eine leicht zugängliche Befriedigungsquelle. Dies führt nicht selten zu einem problematischen Nutzungsverhalten. Die jüngste DAK-Mediensucht-Studie zeigt steigende Zahlen auf.

 

(ps) Als der Fernseher noch für die ganze Familie und nicht nur für die älteren Leute war, da gab es schon mal eine Mediensucht, die Fernsehsucht. Unaufhörlich wollten ihre Opfer fernsehen, und wurden sie abgehalten, waren u.a. schlechte Laune, Reizbarkeit, Aggression und Unkonzentriertheit die Folge. Das war aber keineswegs die erste Mediensucht der Geschichte. Schon mit Aufkommen des Radios gab es direkt auch die Radiosucht, „diese Sucht, sich unaufhörlich zu zerstreuen, sich abzulenken, sich in der Dissoziation gleichsam aufzulösen“, wie man 1953 lesen kann. Diese Sucht wurde sogar in einem Atemzug mit der Nikotinsucht genannt. Und sogar für das Buch, dem ersten Massenmedium der Welt, gab es die zugehörige Lesesucht, über die man sich um 1800 sorgte.

Die Geschichte der Mediensucht ist also lang und umfangreich – selbst wenn etwas wie eine Lesesucht aus heutiger Sicht fast eher wünschenswert als ein Problem wäre. Es gibt jedoch einen strukturellen Unterschied zwischen den Mediensüchten damals und der Mediensucht qua Smartphone heute. Denn alle vorangegangen Süchte hatten einen grundsätzlich lebensirrelevanten Gegenstand: Das Buch, das Radio, der Fernseher – alles Dinge, die man abschalten oder zuklappen und ggf. auch aus dem Sichtfeld bringen kann, und das Leben geht danach nahezu unverändert weiter.

Das Smartphone allerdings ist heute kein optionales Ding mehr – es ist die Lebensader zur Außenwelt, es ersetzt die Kontokarte bei Bezahlungen, die eID ersetzt den Ausweis, WhatsApp & Co. sind der Draht zu Freunden und Familie, auch zum*zur Chef*in und den Kolleg*innen, wird aber auch zum Computerspielen oder Streaming genutzt. Die Älteren mögen sich fragen, ob das auf so einem kleinen Bildschirm überhaupt Spaß macht, das scheint den Jugendlichen aber egal zu sein. Und natürlich sind die sozialen Medien ebenfalls ein großer Faktor, auch sie werden primär über das Smartphone genutzt. So ohne weiteres also lässt sich ein Smartphone nicht abschalten und in die Schublade legen.

Dies hat natürlich unmittelbare Auswirkungen auf die Suchbekämpfung: Wie kann man eine Sucht behandeln, wenn der Suchtstoff nicht vollständig abgesetzt werden kann? Zwar gibt es immer mal wieder Bücher und Dokumentationen über „Digital Detox“ und das Leben ohne Smartphone (für eine definierte Zeit) – und auch wenn die Ergebnisse für die Psyche durchweg positiv sind, so war doch bislang niemand, der solch ein Experiment wagte, bereit, das Leben ohne Smartphone weiter durchzuziehen. Das heißt, dass eine Suchtbekämpfung, wie letztlich bei allen Süchten, ansetzen muss, bevor die Sucht entsteht. Dies ist aus genannten Gründen beim Smartphone besonders wichtig, da es ab einem gewissen Alter annähernd unverzichtbar wird und somit nolens volens in jedes Leben vordringt.



Mediensucht steigt an
 

Wie nun die DAK in Zusammenarbeit mit dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) in der Studie „Ohne Ende Online?!“ aufzeigt, steigen die Zahlen der Mediensüchtigen. Beispiel Social Media: Insgesamt habe sich „die Problematik der Mediensucht auf hohem Niveau eingependelt und liegt deutlich höher als vor fünf Jahren: Ein Viertel der 10- bis 17-Jährigen nutzt soziale Medien problematisch, darunter gelten 4,7 Prozent als abhängig. […] Im Jahr 2019 lag der Anteil der problematischen Social-Media-Nutzung nur bei 11,4 Prozent. Das bedeutet einen Anstieg von 126 Prozent.“ Betroffen sind damit etwa 1,3 Millionen Kinder in Deutschland.

Durchschnittlich verbringen die Jugendlichen täglich 157 Minuten oder gut zweieinhalb Stunden mit Social Media, 105 Minuten mit Gaming und 100 Minuten mit Streaming. Laut Studie „nutzten zwölf Prozent aller Kinder und Jugendlichen digitale Spiele problematisch, 3,4 Prozent pathologisch“, beim Streaming gibt es „16 Prozent problematische Nutzer […], 2,6 Prozent gelten heute als abhängig.“


Erstmalig erhoben: „Phubbing“
 

Das Kofferwort aus „Phone“ und „Snubbing“ bezeichnet, jemanden durch Smartphonenutzung in sozialen Situationen vor den Kopf zu stoßen, „beispielsweise bei Gesprächen oder am Esstisch.“ Dieses Problem mit der Smartphone-Etikette ist nicht neu, wurde aber nun erstmals im Rahmen dieser Studienreihe erhoben. Tatsächlich gaben über 35 Prozent der befragten Jugendlichen an, „sich durch die Smartphone-Nutzung anderer Personen ignoriert“ zu fühlen. „Ebenso die Eltern: 29,2 Prozent fühlten sich bereits ignoriert, 28,2 Prozent erlebten entsprechende Konflikte.“ Dieses Verhalten habe jedoch nicht nur Potential für soziale Konflikte, sondern gehe noch viel tiefer: „Insgesamt zeigt sich in diesem Zusammenhang auch, dass Kinder und Jugendliche mit häufigen Phubbing-Erfahrungen nachweislich einsamer, depressiver, ängstlicher und gestresster sind als solche, die selten Phubbing erfahren.“


„Tsunami an Suchtstörungen“
 

„Hier kommt ein Tsunami an Suchtstörungen bei Jugendlichen auf uns zu, den wir aus meiner Sicht völlig unzureichend würdigen“, wird Prof. Rainer Thomasius, ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters am UKE in der Tagesschau zitiert. Zudem gebe es auch ein Zusammenhang zwischen Mediensucht und Depressionsrisiko: „Es gibt hier eine sichtbare Verbindung zu psychischen Belastungen wie Depressivität“, betont er in einer Mitteilung der DAK. „Die in der Studie erhobenen Befunde bilden sich in einem klinischen Zusammenhang ebenfalls ab: Ein Drittel der in unserem Institut behandelten Jugendlichen leidet mittlerweile unter einer medienbezogenen Störung. Diese jungen Menschen tendieren dann auch zu anderen psychischen Problemen oder gar stoffgebundenen Süchten.“

DAK-Vorstandschef Andreas Storm sieht nicht nur die Eltern, sondern auch die Schulen gefordert: „Im Kampf gegen die Mediensucht brauchen wir den Schulterschluss mit den Schulen.“ Dabei sieht er die Diskussion um ein Handy-Verbot eher kritisch: „Uns hilft jetzt keine kontroverse Diskussion über ein Handy-Verbot für Schülerinnen und Schüler. Wir sollten offen über ein neues Schulfach Gesundheit diskutieren.“ Schließlich gebe es auch zahlreiche gute Beispiele aus dem Ausland, wo das Thema erfolgreich in die Lehrpläne eingebunden wurde. „Medien- und Gesundheitskompetenz sind nah beieinander, weshalb deren Vermittlung in der Schule einen viel höheren Stellenwert einnehmen muss“, betont auch Dr. Michael Hubmann, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzt*innen e.V. (BVKJ). Und weiter: „Wir müssen die Gesamtgesellschaft bei diesem Problem wieder mehr in die Verantwortung nehmen. Und das schließt den Lernort Schule explizit mit ein.“

 

Quellen:
 

DAK: „DAK-Suchtstudie: Millionen Kinder haben Probleme durch Medienkonsum“, Rüdiger Scharf, 12.03.2025; online: www.dak.de/presse/bundesthemen/kinder-jugendgesundheit/dak-suchtstudie-millionen-kinder-haben-probleme-durch-medienkonsum-_91832

DAK: „DAK Mediensucht-Studie 2024: Problematische Mediennutzung bei Kindern und Jugendlichen“, o.A., 12.03.2025; online: www.dak.de/dak/unternehmen/reporte-forschung/dak-studie-mediensucht-2024_91442

Tagesschau: „Ein Viertel der jungen Menschen hat ein Medienproblem“, o.A., 12.03.2025; online: www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/soziale-medien-kinder-jugendliche-mediensucht-100.html

Zeitwende. Zeitwende Verlagsgesellschaft, 1953, Band 24, S. 29

 

 

27.03.2025

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